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© Phil Dera / Holtzbrinck Berlin
Verteidigt die Aufklärung! „ZEIT Forum Wissenschaft“ feiert 100. Jubiläum in Berlin

 „Menschen mit guten Ideen“ zusammenbringen, „kluge Köpfe“ aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft vereinen – seit rund 25 Jahren bringt das „ZEIT Forum Wissenschaft“ spannende Persönlichkeiten mit großen Ideen zu jeder Ausgabe auf die große Bühne. In etwa so formulierten es die Moderatoren des Formats, Andreas Sentker, Geschäftsführender Redakteur und Leiter des Ressort Wissenschaft bei DIE ZEIT, und Ralf Krauter, Redakteur „Forschung aktuell“ beim Deutschlandfunk, zur Eröffnung der 100. Jubiläumsausgabe in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Zur großen Geburtstagsfeier begrüßte das Duo unter dem Motto „Mit Wissenschaft die Welt retten“ den Nobelpreisträger und Chemiker Benjamin List, die Wissenschaftlerin, Autorin, Rednerin und Autorin Maja Göpel sowie Dr. Kira Vink, Leiterin des Zentrums für Klima und Außenpolitik der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, auf dem Podium. Dem hybriden Charakter des Formats getreu stellten anschließend drei Start-ups ihre Ideen und Lösungsansätze für wissenschaftliche Probleme vor – von Medizin bis Recycling.

Rückbesinnung auf die Aufklärung – in international herausfordernden Kontexten

Es war ein Abend, in dem die Aufklärung im Mittelpunkt stand. So beschrieb es auch unser Vorstandsvorsitzender Manuel Hartung in gemeinsamen eröffnenden Worten mit Christoph Markschies, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. „Verteidigt die Aufklärung“, der Titel einer vergangenen Ausgabe des Forums, sei auch zum Jubiläum passend, so Manuel Hartung. „,Verteidigt die Aufklärung‘ – ich glaube, das ist das, was wir heute machen sollten, das, was wir machen können, denn die Wissenschaftsfreiheit ist an ganz vielen Stellen dieser Welt bedroht. Und dieses „ZEIT Forum Wissenschaft“ trägt jetzt seit 25 Jahren dazu bei, für die Wissenschaft zu werben, die Wissenschaft in die Öffentlichkeit zu bringen und damit auch die Aufklärung.“

Kira Vinke, die regelmäßig die deutsche Regierung in Berlin berät, griff die potenzielle Gefahr einer Abkehr von der Aufklärung während der Podiumsdiskussion auf, die live im Deutschlandradio übertragen wurde. Mit Blick auf die dem Abend überschriebenen „weltrettenden“ Möglichkeiten von Wissenschaften hob die Leiterin des DGAP die internationale Rolle deutscher Wissenschaften hervor: „Sie haben gefragt, kann Wissenschaft die Welt retten? Spielt es eine Rolle für uns, welche Wissenschaft die Welt rettet?“, richtete Vinke als Fragen an Publikum und Panel. „Ist es okay für uns, wenn zum Beispiel die chinesische Wissenschaft die Welt rettet? Aus Forschungsperspektive würde man sagen: Natürlich, wenn die Chinesen in 90 % der kritischen Technologien führend sind (…). Als jemand, der die Bundesregierung berät, würde ich aber sagen: Nein, wir brauchen auch die deutsche Wissenschaft (…)  Wir haben diese verrückte Situation, dass wir mit den USA ein demokratisches Land haben, das sich von der Aufklärung (…) und von der Evidenz vollkommen abwenden.“ Gleichzeitig gäbe es mit Staaten wie China autokratische Player, die sich in vielen Bereichen den Wissenschaften voll zuwendeten und massiv investierten, so Vinke.

Politisierung der Wissenschaften: Ein Hindernis?

Weiterer Fokus lag an diesem Abend auf Wissenschaftsfreiheit, der Kommunikation wissenschaftlicher Erkenntnisse und der zunehmenden Politisierung dieser Ergebnisse. Nobelpreisträger Benjamin List erkannte die Herausforderungen einer politneutralen Forschung, sprach sich aber im selben Zuge für einen klaren Umgang mit wissenschaftlichen Fehlern aus und plädierte für eine Entpolitisierung wissenschaftlicher Erkenntnisse: „Grundlagenforschung ist immer nützlich für alle Gesellschaften, aber in anderen Zeitskalen als eine Legislaturperiode. Das ist das Problem: Da gibt es so eine Inkompatibilität, finde ich, generell zwischen Politik und Wissenschaften. Ich finde, Wissenschaft ist immer am besten, wenn sie politikfrei ist“, markierte List.

Die Transformationsforscherin Maja Göpel sprach indes von der innovativen und progressiven Kraft von Wissenschaften, deren Wirkung auch die demokratische Gemeinschaft stärken können. „Was motiviert uns, Dinge zu verändern? Das eine ist ein Gefühl von ‚weg von‘: Etwas muss aufhören. Da lässt sich so ein moralischer Imperativ fühlen, Gerechtigkeitsveränderung. Das andere ist ‚hin zu‘, dieses ‚das muss doch gehen‘. (…) Beides sind Motivatoren, den Normalzustand neu auszurichten“, erklärte Göpel. „Und dann gibt es in der Mitte natürlich eine ganz große Gruppe, die sagt: Ich mache das, wenn andere das auch machen. (…) Deshalb finde ich es so wichtig, uns nicht nur als Individuum zu sehen, sondern als Gruppenverbände und Herdentiere. Das ist im Grunde genommen, was die Welt zusammenhält aus der sozialwissenschaftlichen Perspektive: Viele Geschichten, die wir uns erzählen, von dem, was wir für möglich halten, für wünschenswert (…). Weil dann habe ich eine andere Möglichkeit, die Lösung tatsächlich zu verbreiten.“

Lösungsansätze von Medizin bis Recycling: Start-up Pitches erneut Teil des Formats

Lösungen verbreiten – auch das gehört schon lange zu den Motiven des „ZEIT Forum Wissenschaft“. So stellten beim Jubiläum drei Forscher:innen ihre innovativen Ideen vor, die Mensch und Gesellschaft weiterbringen sollen: Ghazaleh Madani, Gründerin und Geschäftsführerin von CanChip sowie Expertin für zellbasierte Krebsmodelle, Dr. Lucio Milanese, Chief External Affairs Officer und Mitgründer von Proxima Fusion, und Dr. Manuel Häußler, Chemiker, Mitgründer und wissenschaftlicher Leiter der aevoloop GmbH. In kurzen Pitches präsentierten die Gründer:innen ihre jeweiligen Start-up-Modelle, mit denen sie Chips entwickeln, die personalisierte Medizin und Krebsheilung voranbringen, Fusionsenergie revolutionieren wollen oder mithilfe von Deep Tech vollständig recycelbare und biologisch abbaubare Kunststoffe entwickeln können. Am Ende der Vorträge stimmte das Publikum per Handzeichen darüber ab, in welches Start-up sie persönlich investieren würden – was zugunsten von Ghazaleh Madani und Manuel Häußler ausging.

Neuer Ort, neue Moderation: So verändert sich das „ZEIT Forum Wissenschaft“ in Zukunft

Mit diesem Geist der Veränderungen im Rücken erfährt auch das „ZEIT Forum Wissenschaft“ als Format einige Veränderungen, die Niels von der Kall, neuer CEO der ZEIT Verlagsgruppe, und Stefan Raue, Intendant des Deutschlandfunks, zum Abschluss des Abends vorstellten. So wird das „ZEIT Forum Wissenschaft“ weiterhin von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften begleitet, zieht mit der 101. Ausgabe aber an einen neuen Ort: das Humboldt-Forum. Dieser Raum erlaubt dem Format, sich noch dialogischer auszurichten und Partizipation des Publikums stärker in die Programmgestaltung einzubeziehen. Neu sein wird auch die Moderationskonstellation: Andreas Sentker verabschiedet sich aus der Live-Moderation des Formats und übergibt den Stab an seine ZEIT-Kolleginnen Anna-Lena Scholz und Sibylle Anderl, die in Zukunft gemeinsam mit Ralf Krauter und der ebenfalls dazustoßenden Katrin Kühn vom Deutschlandfunk, moderieren werden. Für den ZEIT-Wissen-Leiter Sentker bedeutete das Jubiläum nach rund 25 Jahren der Live-Moderation einen großen Abschied und bewegende Dankesworte, auch seitens der Partner:innen der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, der BBAW, des Deutschlandfunks und Holtzbrinck Berlins, die das Format seit der ersten Stunde operativ betreuen und durchführen. Die erste Ausgabe im Humboldt-Forum findet am 10. Juni 2026 statt, mehr dazu bald in unserem Veranstaltungskalender.

Mit der im Humboldt-Forum Premiere feiernden 101. Ausgabe bleibt das „ZEIT Forum Wissenschaft“ ein Katalysator für Menschen mit Wille, Motivation und Wissen um Innovation, Fortschritt und Entwicklung, geboren aus der kritischen Debatte und Analyse. Auch in zukünftigen Ausgaben besteht also die Chance darauf, dass Wissenschaft die Welt rettet – weil neue Erkenntnisse vielleicht schon an der nächsten Ecke warten. Oder, so gibt es der scheidende Moderator Andreas Sentker den Gästen ein letztes Mal mit auf den Weg: „Halten Sie die Augen auf, was gute Ideen angeht“.

 

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