„La rivoluzione siamo noi?“ stand fast in den Sternen geschrieben. Mit dem Bild eines Sternenhimmels, der sich einer glockenartigen Installation über Bäume beugt, eröffnete die Kuratorin Dr. Kathleen Reinhardt die Bucerius Lecture 2026. Über dem Satz stand der berühmte Spruch von Joseph Beuys, formuliert als Frage in italienischer Sprache, die übersetzt heißt: Sind wir die Revolution? An diesem Abend in Hamburg hätten aber auch weitere Fragen über dem Sternenhimmel stehen können: Welche Aufgaben hat Kunst in Krisenzeiten? Sind es sogar Pflichten? Ist sie ein Spiegel der Zeit, ein Mittel aller Menschen, um mit der Gegenwart umzugehen – aber auch, um Widerstand zu leisten? Ist Kunst eine Revolution? Oder sind wir Menschen es?
Über „Kunst als Spiegel der Zeit“ sprach Reinhardt, eingerahmt von lyrischen Interventionen der Lyrikerin und Autorin Nora Gomringer, in ihrer Lecture, die für uns als ZEIT STIFTUNG BUCERIUS den großen Jahresauftakt für 2026 bedeutete. Im vergangenen Jahr hatten wir das Format mit Gastredner Timothy Snyder in Hamburg erstmalig präsentiert und geben seither Einblick in die Ziele und Planungen unserer Stiftungsmission, jährlich wechselnd mit einem Fokus unserer Förderbereiche. 2026 stand also die gesellschaftliche Bedeutung von Kunst im Fokus – Themen, die Kathleen Reinhardt in ihrer nächsten großen Aufgabe thematisiert: Die Kuration des Deutschen Pavillions der 61. Biennale in Venedig.
Kuratorin Reinhardt: Kunst als Mittel für Visionen, Austausch und kritische Reflexion
„Kunst bietet in unserer höchst herausfordernden Gegenwart dringend benötigte Freiräume für kreative Visionen, für Begegnung, für gesellschaftliche Aushandlung und für gemeinsame kritische Reflexion“, sagte Reinhardt im Vorfeld der zweistündigen Veranstaltung im Helmut-Schmidt-Auditorium. „Kunstschaffende fragen in ihren Werken danach, wo wir stehen, wie wir hierhergekommen sind und vor allem wohin wir gehen und wie dies aussehen und sich anfühlen könnte.“ In ihrer Bucerius Lecture betrachtete Reinhardt vergangene Ausstellungen des Deutschen Pavillons im zeitgenössischen Kontext der letzten Jahrzehnte – und legte so das Spannungsverhältnis zwischen politischen und ästhetischen Auseinandersetzungen offen. Manuel Hartung, Vorstandsvorsitzender der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, nannte die bevorstehende Aufgabe der Kuration in seiner Begrüßung einen „Drahtseilakt“. Der 1909 erbaute Pavillon wurde 1938 nach den faschistischen Ästhetiken der Nationalsozialist:innen umgebaut und ist seit jeher mit dem historischen Erbe Deutschlands verbunden, das als „politische Topografie“ laut Kathleen Reinhardt immer wieder thematischen Eingang in die kuratierten Ausstellungen des Pavillons findet.
Lecture und lyrische Intervention: Gestaltungsideen für den Deutschen Pavillon der Biennale
Reinhardt selbst erarbeitet die diesjährige Schau mit den Künstlerinnen Sung Tieu und Henrike Naumann, die als Alumna bzw. designierte Professorin der Hochschule für Bildende Künste beide mit Hamburg verbunden sind. In ihren vielfach ausgezeichneten Werken beschäftigen sich die aus Ostdeutschland stammenden Naumann und Tieu mit den historischen, sozialen und politischen Dimensionen u. a. von Alltagsästhetik, stets in Verbindung mit den Fragen der Gegenwart, und machten „Banales bedeutsam“, so Reinhardt. Es werde aber auch „künstlerisch forschend“ im Pavillon, kündigte die Kuratorin mit dem Verweis darauf an, wie die Künstlerinnen mit Forschung zur wissenschaftlichen Analyse von Kunstgeschichte und gesellschaftlichem Kontext beitragen. In ihren Werken finden popkulturelle Elemente somit Platz, aber auch beispielsweise kritische Analysen von kolonialen Machtstrukturen und das innere Wirken von Kunstinstitutionen. Die Aufgabe der Kuration, jener „Drahtseilakt“, sei mit Druck verbunden, so Reinhardt, weil man mit der in die Sammlung übergehenden Auftragsarbeit buchstäblich „Kunstgeschichte schreibe“. Zugleich, merkte die Kuratorin später an, treibe dies sie selbst, Naumann und Tieu in ihrem gemeinsamen „Experiment“ gerade erst recht an, statt zu hemmen.
Nora Gomringer verknüpfte in ihren fulminant vorgetragenen lyrischen Interventionen gleichermaßen klug wie unterhaltsam „Gestaltungsideen für den Deutschen Pavillon auf dem Gelände der Kunstbiennale in Venedig“ und damit gegenwartsbezogene Themen und mit Deutschland assoziierte Eigenheiten – und untermauerte anschaulich Reinhardts Thesen. Außerdem präsentierte die deutsch-schweizerische Lyrikerin ein großes Potpourri aus teils kontroversen Zitaten über Kunst und Kontext mit Bezügen zu Biennalen, Beiträgen von Goethe, Eugen Gomringer und anderen. Gomringers Vortrag war ein sprachlicher Ritt durch Jahrhunderte Kulturgeschichte und aktuelle Geschehnisse, vom Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine bis zum den Klimawandel. Ob während der Performance laut gerufen oder leise ins Mikrofon geflüstert – ihre Worte hallten auch beim anschließenden Empfang im Foyer noch nach.
Verbindung von Biografie und Werk in der Kunst: Kraftvoll oder fragil?
Im anschließenden Gespräch mit Manuel Hartung und dem Publikum diskutierten Reinhardt und Gomringer über die gesellschaftspolitische Bedeutung und Aufgaben von Kunst – aber auch deren Grenzen. Reinhardt, Naumann und Tieu sind die ersten ostdeutschen Frauen, die gemeinsam den Pavillon der Biennale bespielen – und hatten doch genau dieses biografische Detail in der ersten Kommunikation ausklammern wollen und sich gemeinsam als „geografisch informiert“ bezeichnet. Im Zuge dessen debattierte die Runde an diesem Abend die Verbindung von Biografie und Werk bei Künstler:innen – so sei sie manchmal „das Kraftvollste“, wie Reinhardt Sung Tieu zitierte, manchmal aber auch das „Fragilste“, wie Gomringer einwarf. Zwar sei die Gemeinsamkeit der drei Biografien im Deutschen Pavillon ein Novum, erläuterte Kuratorin Reinhardt, der Pavillon aber solle kein Raum für „identitätspolitische Auseinandersetzungen“ werden. Weiter sprachen die Panelist:innen mit dem Publikum über die Grenzen der Verständlichkeit von zeitgenössischer Kunst und ihre nicht nur gesellschaftliche, sondern auch politische Verantwortung. Kunst sei zwar Spiegel der Zeit und stets politisch interessiert, könne Politik aber nicht ersetzen, machte Reinhardt klar. „Die Kunst stellt Fragen, sie liefert aber keine Antworten“, schloss die Kuratorin. Kunst hielte die Ungewissheit und trage ihren Teil zu ihr bei in einer Zeit, in der Menschen möglichst viel eingeordnet wissen wollten, oder in autofiktionaler Literatur der Verdacht aufkomme, sich „nur noch selbst zu trauen“, wie Gomringer ergänzte.
Projektpartner:innen geben Einblick in Förderarbeit der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS
Abschließender Teil der Lecture war die Vorstellung einzelner Projektpartner:innen der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, die auf der Bühne kurze Einführung in ihre Projekte gaben und anschließend angeregt mit Gäst:innen an Thementischen des Foyers diskutierten. Mit dabei waren Vertreter:innen der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt, die wir beim Projekt „Ehrentag“ unterstützen, vom Story-Fund Pressefreiheit des Bühnenformats „Headliner“, von Akademischen Netzwerk Osteuropa im Kontext des Projekts „Science at Risk“, vom Theaterformat „Islands of Hope“, das u. a. Antisemitismus aushandelt, sowie Kollegen der Hochschule für Musik und Theater mit dem musikalischen Sprachförderungsprojekt „Brücken bauen“. Mit diesen und weiteren Projekten werden wir als ZEIT STIFTUNG BUCERIUS uns auch in 2026 dafür einsetzen, dass wir Freiheiten verteidigen, Freiräume schaffen und Orientierung geben können – und zwar gemeinschaftlich, als offene Gesellschaft. Und auch dafür kommt Kunst als ihr Spiegel eine wichtige Aufgabe zu, die gerade jetzt gebraucht wird. Die Bucerius Lecture 2026 hat bewiesen, dass Kunst dabei Raum bietet, um aufrichtig zu streiten – aber auch Spaß macht. Mit Vorfreude auf Venedig: Lassen sie uns gemeinsam auch Freiräume für die Künste gemeinsam offen halten.