In Antakalnis muss man nicht weit laufen, um die Epoche zu wechseln. Da ist die barocke Peter-und-Paul-Kirche, ein Stück weiter stehen die Wohnblöcke der Sowjetzeit. Dazwischen alte Villen, Botschaften und ein Friedhof, auf dem sich die komplizierte Geschichte des Landes fortsetzt. An einem sonnigen Samstagnachmittag im September zeigt Žilvinas Švedkauskas einer kleinen Gruppe diesen Teil von Vilnius, deutsch Wilna. Er kennt die litauische Hauptstadt und auch viele der Fragen, die sich an ihrer Geschichte festmachen. Švedkauskas ist Politikwissenschaftler an der Universität Vilnius. Noch am Abend zuvor hatte er auf einem Podium über die politische Gegenwart hier im Nordosten Europas diskutiert, über Russland, Migration und die Rolle des Landes zwischen Ost- und Westeuropa. Dass er einen Tag später selbst durch Antakalnis führt, gehört zum Prinzip des diesjährigen internationalen Alumni-Treffens der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS.
Švedkauskas ist Alumnus des Promotionsprogramms „Trajectories of Change“ der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS. Ehemalige Geförderte sind an diesem Wochenende nicht nur Publikum, sondern gestalten mit ihrer Expertise das Programm des Alumni-Treffens. So auch ein paar Kilometer weiter im Stadtteil Šnipiškės: Dort übernimmt ein Alumnus des Marion-Gräfin-Dönhoff-Programms der IJP einen Rundgang durch ein Viertel zwischen alten Holzhäusern und der gläsernen Skyline von Vilnius. Andere besuchen das einstige KGB-Gefängnis, das heutige Museum der Okkupationen und Freiheitskämpfe, oder die oft als belarusische „Exil-Uni“ paraphrasierte European Humanities University (EHU).
Rund 50 Teilnehmer:innen aus Programmen der Wissenschaft und Presseförderung
Die Exkursionen bilden den Abschluss des zweieinhalbtägigen Alumni-Treffens „Vilnius Crossroads – History, Identity, and Security“, zu dem rund 50 ehemalige Geförderte aus Stipendien- und Fellowship-Programmen der Wissenschaft und Presseförderung nach Litauen gekommen sind. „Unsere Wahl fiel auf Vilnius, weil das Land heute im Zentrum der wichtigsten Debatten Europas steht“, sagt Anna Hofmann, Bereichsleiterin Wissenschaft & Forschung der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS. „Hier lässt sich live erleben und verstehen, was die Resilienz einer Zivilgesellschaft ausmacht und wie diese täglich auf die Probe gestellt wird.“ Denn als geopolitischer Knotenpunkt vereine die größte baltische Stadt trotz direkter Sicherheitsbedrohung eine wirtschaftliche Dynamik und das Eintreten für demokratische Werte.
Das Programm griff diese Spannungsfelder auf: Es ging um die Sicherheitslage an der NATO-Ostflanke, um die politische und gesellschaftliche Entwicklung Litauens, um historische Erinnerung, aber auch um das östlich benachbarte Belarus, dessen Grenze keine 40 Kilometer entfernt liegt.
Von geopolitischen Debatten und einer „müden“ Gesellschaft
Wie sehr die geopolitische Lage die gesellschaftlichen Debatten im Baltikum prägt, zeigte sich bei den Paneldiskussionen, insbesondere als es um die litauische Politik ging. Die Politikwissenschaftlerin Jogilė Ulinskaitė sprach von einem „ständigen Gefühl der Unsicherheit“ und einer daraus resultierend zunehmenden Müdigkeit in der Gesellschaft. Hinzu kommen Debatten rund um Migration: Litauen war lange ein vergleichsweise homogenes Land und steckt zugleich in einer demografischen Krise. Inzwischen leben rund 200.000 Menschen aus dem Ausland hier, darunter etwa 70.000 Geflüchtete aus der Ukraine. Mariusz Antonowicz von der Universität Vilnius lenkte den Blick zudem auf die Bedrohung durch Russland: Gerade weil es in Litauen einen breiten Konsens über die Unterstützung der Ukraine gebe, versuche Russland, diesen durch hybride Angriffe zu untergraben. Wie sehr sich der Blick des Auslands auf sein Heimatland in den vergangenen Jahren verändert hat, brachte Algimantas Šindeikis auf eine knappe Formel. So wurde das Land früher von westlichen Diplomat:innen wegen seiner Haltung gegenüber Moskau als „russophob“ bezeichnet, sagte Šindeikis, Jurist und Professor der Universität Vilnius und Alumnus der Stiftung. „Heute gelten wir als Experte für Russland.“
In weiteren Panels ging der Blick weiter zurück in die Geschichte, damit aber keineswegs weg von der Gegenwart. Historiker:innen hätten früher wohl kaum damit gerechnet, einmal so häufig erklären zu müssen, welche Folgen historische Entwicklungen für die Politik von heute haben, bemerkte Andžej Pukšto von der Vytautas-Magnus-Universität in Kaunas. Auf dem zugehörigen Podium ging es um eine Vergangenheit, die sich gerade im östlichen Europa nur schwer entlang heutiger Staatsgrenzen erzählen lässt. Das zeigte sich etwa am gemeinsamen polnisch-litauischen Erbe, also dem Blick auf die Zeit vor 1795, als Litauen mit Polen einen gemeinsamen Staat bildeten. Der Historiker Povilas Mikalauskas verwies auf die Verfassung vom 3. Mai 1791, die in Polen mit einem Nationalfeiertag gewürdigt wird, in Litauen aber noch immer vielfach als polnisches Erinnerungsdatum gilt. Noch komplizierter ist das Erbe des Großfürstentums Litauen, dessen historisches Gebiet weit in das heutige Belarus reichte und dessen Geschichte heute von mehreren Nationen für sich beansprucht wird.
Unterschiedliche Perspektiven bereichern den Austausch im Netzwerk
Der italienische Historiker Giorgio Ruggeri zeigte am Beispiel der litauischen Erinnerungslandschaft, wie vielschichtig ihre Betrachtung ist. Die Erinnerung habe viele Schichten, lautet seine These, die von einer Diskussion auch um Begriffe begleitet wurde, etwa darum, dass in Litauen sowohl die deutsche als auch die sowjetische Herrschaft in den 1940er Jahren als „Besatzung“ bezeichnet werden.
In den Diskussionen zeigte sich dabei immer wieder, wie unterschiedlich die Perspektiven auf dieselbe Geschichte aber auch derzeitige Situationen sein können. Von genau solchen Unterschieden lebte das Treffen: Die Alumni kamen aus verschiedenen Ländern, Fachrichtungen und Förderprogrammen zusammen – manche waren erst vor Kurzem Stipendiat:innen, andere bereits vor mehr als zwei Jahrzehnten.
„Mit diesem Treffen mit rund 50 ehemalig Geförderten aus unseren Wissenschafts- und Presseförderungsprogrammen schaffen wir einen Freiraum für gegenseitige Inspiration und Motivation“, sagte Petra Borchard, Programmleiterin Alumniarbeit der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS. „Persönliche Begegnungen sind dafür das A und O für die Vernetzung und die Hauptbausteine unserer Alumniarbeit.“
Und der Ort gab diesem Austausch eine zusätzliche Richtung. Manuel Hartung, Vorstandsvorsitzender der Stiftung, verwies zur darauf, wie wichtig die Arbeit für Demokratie und Freiheit heute sei, in Deutschland ebenso wie in Mittel- und Osteuropa. „Vilnius erwies sich dafür als besonderer Treffpunkt: geografisch am östlichen Rand der Europäischen Union gelegen, politisch aber mitten in Debatten, die längst ganz Europa beschäftigen.“
In persönlichen Treffen nimmt Geschichte Gestalt an
Die Eindrücke der rund 50 Teilnehmer:innen des Treffens blieben ähnlich vielseitig. Shulagna Pal, Teilnehmerin des Alumni-Treffens und Doktorandin an der Humboldt-Universität zu Berlin, forscht zu Klimamigration. Für sie machte gerade das Zusammenkommen vor Ort einen Unterschied: An der NATO-Ostflanke mit Menschen zu sprechen, die täglich mit dieser sicherheitspolitischen Realität umgehen, habe ihr ein sehr viel konkreteres Verständnis der Lage vermittelt, „als es jedes Seminar vermocht hätte“. Anat Goldman, Teilnehmerin aus Israel und Wissenschaftlerin an der Universität Tel Aviv, bezeichnete die Tage in Vilnius als einen „intensiven Crashkurs über die Region“. Besonders eindrücklich sei es gewesen, „aus nächster Nähe mitzuerleben, wie Geschichte Gestalt annimmt.“
Was zuvor in Panels und Gesprächen verhandelt worden war, wurde in Vilnius an konkreten Orten verankert. In Antakalnis und Šnipiškės, im ehemaligen KGB-Gefängnis oder an der EHU teilten Alumni ihr Wissen und ihre Perspektiven miteinander. Darin zeigte sich der Mehrwert des Treffens: Menschen aus unterschiedlichen Programmen, Ländern und Generationen miteinander ins Gespräch zu bringen, um gemeinsam aufrichtig zu streiten und entschlossen zu handeln.